Bandscheibenvorfälle sind häufig: In Deutschland werden davon cirka 180.000 pro Jahr mittels MRT diagnostiziert. Bemerkbar machen sie sich mit Rückenschmerzen, die in die Arme oder Beine ausstrahlen können, und einer eingeschränkten Beweglichkeit. Die meisten Bandscheibenvorfälle lassen sich konservativ gut behandeln. Reicht dies zur Linderung der Beschwerden nicht aus, wird operiert. Zwingend erforderlich ist eine Operation zudem, wenn durch den Bandscheibenvorfall Nerven stark eingeengt werden und es zu Lähmungen, Blasen- oder Mastdarmstörungen kommt.
- Was ist ein Bandscheibenvorfall?
- Wie macht sich der Bandscheibenvorfall bemerkbar?
- Wie diagnostiziert der Arzt einen Bandscheibenvorfall?
- Wie wird der Bandscheibenvorfall behandelt?
- Wie geht es nach der Bandscheibenoperation weiter?
Was ist ein Bandscheibenvorfall?
Die Bandscheibe liegt als Stoßdämpfer zwischen den Wirbelkörpern. © Viewmedica
Die Bandscheiben sind ein Teil der Wirbelsäule. Sie sitzen als knorpelartige Kissen zwischen den knöchernen Wirbelkörpern und ermöglichen durch ihre Elastizität, dass sich die Wirbelsäule bewegen kann. Und zwar zur Seite, nach vorne, nach hinten und in Drehbewegungen. Ermöglicht wird diese Flexibilität durch den Aufbau der Bandscheibe. Außen hat sie einen robusten Ring aus festen, kollagenreichen Fasern und in der Mitte einen weichen, fast gelatineartigen Kern. Nur durch das Zusammenspiel dieser beiden Komponenten ist die Bandscheibe in der Lage, die für unseren aufrechten Gang notwendige Bewegungsfähigkeit zu erreichen.
Übermäßige Belastung, Alterung oder Verletzung der Bandscheibe schwächt diese Struktur. Dann können sich Teile des innenliegenden gelatineartigen Bandscheibenkerns in die harte äußere Schale des Faserringes hindurcharbeiten. Das führt im Anfangsstadium zu einer Ausstülpung der Bandscheibe – der sogenannten Protrusion. Wenn der Faserring der Bandscheibe dem Druck nicht mehr standhalten kann oder selbst so geschwächt ist, dass Risse entstehen, kann das Bandscheibenmaterial aus dem Inneren der Bandscheibe durch diesen Faserring hindurchbrechen. Dies bezeichnet man als Bandscheibenvorfall.
Am häufigsten von Bandscheibenvorfällen betroffen ist die Lendenwirbelsäule (LWS). Das liegt unter anderem daran, dass die LWS das Gewicht von Oberkörper, Kopf und Armen trägt. Zudem ist sie recht beweglich, sie ermöglicht das Drehen, Beugen und Strecken. Vor allem beim Heben und Tragen schwerer Lasten entstehen hohe Scherkräfte, die die LWS mitsamt den Bandscheiben sehr belasten. Die Halswirbelsäule ist insbesondere aufgrund ihrer hohen Beweglichkeit anfällig für Bandscheibenvorfälle. In der Brustwirbelsäule kommt es dagegen nur sehr selten dazu, weil dieser Abschnitt der Wirbelsäule durch den Brustkorb stabilisiert wird.
Wie macht sich der Bandscheibenvorfall bemerkbar?
Beispiel Halswirbelsäule: Je nachdem, in welchem Bereich der Vorfall sitzt, verursacht er durch Druck auf den zugehörigen Spinalnerv sensorische und motorische Ausfälle in einem genau definierten Versorgungsgebiet. Ist beispielsweise die Bandscheibe im Segment HWS5/HWS6 vorgefallen, kann es zu Missempfindungen des Daumens kommen. © Gelenk-Klinik
Ein Bandscheibenvorfall an sich muss zunächst überhaupt keine Schmerzen verursachen. Das erklärt, warum sich bei der bildgebenden Diagnostik so häufig klinisch stumme Bandscheibenvorfälle finden lassen – die Betroffenen also keinerlei durch sie verursachte Beschwerden verspüren.
Anders sieht das aus, wenn das Bandscheibenmaterial in Kontakt zu dem im Wirbelsäulenkanal verlaufenden Nervengewebe kommt. Dabei reicht zum Teil schon die alleinige Berührung zwischen Bandscheibenmaterial und Nervenwurzel oder Nerven, um Schmerzen zu erzeugen. Sollte das vorgefallene Bandscheibenmaterial auch noch mit Druck auf diesen Nerv einwirken, so ist der entstehende Schmerz für den Patienten noch schlimmer.
Die Schmerzen machen sich nicht nur im Rücken bemerkbar. Wenn der Bandscheibenvorfall auf Nerven drückt, die in die Arme und Beine ziehen, kommt es auch dort zu Schmerzen. Weil sie entfernt vom eigentlichen Schädigungsort liegen, werden diese auch ausstrahlende Schmerzen genannt.
Der Druck auf das Nervengewebe kann neben Schmerzen auch zahlreiche andere Folgen haben. Es drohen
- Kribbeln, Brennen oder andere Missempfindungen
- Taubheitsgefühle
- Lähmungen in den versorgten Gebieten bis hin zu
- Störungen von Blase, Mastdarm und Sexualorganen.
Schmerzende Bandscheibe
Auch die Bandscheibe selbst kann Schmerzen verursachen. Dieser Umstand war über längere Zeit nicht bekannt und auch nicht eindeutig erklärbar. Mittlerweile weiß man, dass eine Bandscheibe in der Regel nur bei einer Vorschädigung zu einem Bandscheibenvorfall neigt. Diese Vorschädigung führt zu Veränderungen im Faserring der Bandscheibe. Es kommt zu Einsprossungen von Gefäßen und von kleinen Nerven, die Schmerzfasern enthalten. Dadurch können sich bereits in Frühstadien des Bandscheibenvorfalles, z.B. bei Protrusionen, diskogene Rückenschmerzen im Bereich der Bandscheibe entwickeln. Auch Beinschmerzen können entstehen: Sie werden dadurch verursacht, dass die Schmerzfasern der Bandscheibe mit den aus der Wirbelsäule austretenden Nerven, die die Beine versorgen, verschaltet sind. Diesen Schmerz bezeichnet man dann als pseudoradikulär.
Wie diagnostiziert der Arzt einen Bandscheibenvorfall?
Die sorgfältige klinische und neurologische Untersuchung durch den Chirurgen ist ein wesentlicher Teil der Diagnose. Durch die genaue Bestimmung der Schmerzmuster und der Funktionsausfälle kann er überprüfen, ob ein bestimmtes radiologisches Bild der Wirbelsäule tatsächlich für die vorliegenden Beschwerden ursächlich ist. © Gelenk-Klinik
Zunächst fragt der Arzt den Patienten, wie stark die Schmerzen sind, ob sie sich plötzlich oder schleichend entwickelt haben und wo sie auftreten. Dabei lässt er sich auch genau schildern, welche Begleitsymptome vorliegen. Dazu gehören Kribbeln, Taubheitsgefühle, Probleme beim Wasserlassen oder Potenzstörungen.
In der klinischen Untersuchung achtet er auf Schonhaltung oder Bewegungseinschränkungen des Patienten. Er tastet oder klopft den Rücken ab, prüft die Beweglichkeit und macht bestimmte Provokationstests. Mithilfe einer neurologischen Untersuchung kann der Arzt erkennen, ob Nerven beteiligt sind. Dazu prüft er die Kraft, die Sensibilität und die Reflexe.
MRT-Aufnahme eines lumbalen Bandscheibenvorfalls (L5/S1) im Längsschnitt der Wirbelsäule. © Gelenk-Klinik.de
Je nach Verdacht schließen bildgebende Verfahren die Diagnose ab. Die MRT ist dafür besonders gut geeignet, da man mit ihr im Gegensatz zum Röntgen auch die Bandscheibe, die Nerven und das Rückenmark gut erkennen kann. Eine Röntgen-Darstellung der Bandscheiben und des Wirbelkanals mittels Kontrastmittel rundet die Untersuchung des Bandscheibenvorfalles ab.
Wie wird der Bandscheibenvorfall behandelt?
Mithilfe eines speziellen Operationsmikroskops kann der Wirbelsäulenchirurg störendes Gewebe im Spinalkanal genau identifizieren und mit feinsten Instrumenten entfernen. © Vadim, Adobe
Die meisten Bandscheibenvorfälle lassen sich konservativ gut behandeln. Denn der Vorfall bildet sich durch die natürliche Entzündungsreaktion des Körpers wieder zurück, wobei das ausgetretene Bandscheibenmaterial vom Körper abgebaut wird. Dadurch reduziert sich automatisch der Druck auf das Nervengewebe und Schmerzen und Funktionseinschränkungen lassen nach.
Auch in der Gelenk-Klinik sind nichtoperative Maßnahmen in der Mehrzahl der Fälle die bevorzugte Behandlungsstrategie. Neben der kurzfristig wirksamen, akuten Schmerztherapie steht mittelfristig die Kräftigung der Muskulatur und dadurch die Entlastung der degenerierten Bandscheibe durch Physiotherapie im Vordergrund. Ganz wichtig ist eine frühzeitige Aktivierung statt Bettruhe. Daneben kommen folgende Behandlungsverfahren zum Einsatz:
- schmerzstillende und entzündungshemmende Medikamente aus der Gruppe der NSAR (nichtsteroidale Antirheumatika, z. B. Ibuprofen, Diclofenac)
- Muskelrelaxantien (Medikamente zur Muskelentspannung)
- Kortisontherapie zur Schmerzlinderung
- Physiotherapie
- Wärmeanwendungen
- Kräftigung der stützenden Rumpfmuskulatur durch medizinische Trainingstherapie
- psychologische Therapie bei Menschen mit Depressionen aufgrund von Rückenschmerzen
- Reizstromtherapie (TENS = transkutane elektrische Nervenstimulation)
Wann werden Bandscheibenvorfälle operiert?
Operiert werden muss der Bandscheibenvorfall, wenn er die Nervenwurzel oder das Rückenmark stark bedrängt und dies ausgeprägte Schmerzen und Funktionsausfällen zur Folge hat. Um die Nerven wieder freizugeben, muss der Operateur das ausgetretene Bandscheibenmaterial entfernen. Dafür kann er ein mikrochirurgisches, ein endoskopisches oder ein offenes Operationsverfahren wählen.
Goldstandard hierfür ist immer noch das mikrochirurgische Verfahren. Die mikroskopische Bandscheibenoperation gilt als präzise und sicher und führt in den allermeisten Fällen zu einer schnellen Besserung der Beschwerden. Fast alle operationspflichtigen Bandscheibenvorfälle werden damit behandelt.
Die endoskopische Bandscheibenoperation ist momentan noch eher als ergänzende Option für ausgewählte Fälle anzusehen. Sie ist zwar noch etwas gewebeschonender als die mikrochirurgische Technik, eignet sich aber nur für einen Teil der Bandscheibenvorfälle. Zudem ist der technische Aufwand sehr hoch.
Offen und ohne Mikroskop werden Bandscheibenvorfälle kaum noch operiert. Mögliche Indikationen sind schwere Fehlbildungen der Wirbelsäule, begleitende Brüche oder ein Befall mehrerer Etagen.
Wie geht es nach der Bandscheibenoperation weiter?
Nach der Bandscheibenoperation bleibt der Patient meist einige Tage in der Klinik. Dort beginnt in der Regel schon am OP-Tag selbst oder am ersten Tag danach die Frühmobilisation mit Aufstehen und kurzen Gehstrecken.
Danach erfolgt entweder eine stationäre Anschlussheilbehandlung für etwa zwei bis drei Wochen oder eine ambulante Reha mit Physiotherapie und Trainingstherapie über mehrere Wochen. Über die Art der Nachbehandlung entscheiden der klinische Zustand des Patienten, die OP-Technik, ob sich der Patient zu Hause selbst versorgen kann und was der jeweilige Kostenträger (Krankenkasse, gesetzliche Rentenversicherung, Berufsgenossenschaft) bewilligt.


